Spätlese

Zweite Qualitätsstufe im deutschen Prädikatssystem Prädikatsweine sind seit ihrer Einführung im Zug der Weinrechtsreform 1971 zur Ikone der traditionellen deutschen Weinbaukultur herangereift, auch wenn es seit jeher Kritik an der eindimensionalen Abstufung nach Oechslegraden gab. Die Spätlese als Bezeichnung für gehobene Weinqualität gab es jedoch schon lange zuvor. Weithin bekannt ist die Legende von der Erfindung der Spätlese, die auf eine Begebenheit auf Schloss Johannisberg im Rheingau zurückgeht. Dort soll sich im Jahr 1775 der berittene Bote, der bei dem zuständigen Fürstbischof von Fulda die Lesegenehmigung einholen musste, bei seinem Rückweg aus unbekannten Gründen um gut zwei Wochen verspätet haben, was die Besiedlung der reifen Beeren mit Edelfäule (Botrytis) ermöglichte. Der von den Mönchen dennoch bereitete Wein soll zur Überraschung aller Beteiligten das Beste gewesen sein, was bis dahin in Johannisberg erzeugt wurde. Nach den Vorschriften des Deutschen Weingesetzes muss eine Spätlese aus vollreifen, spät gelesenen Trauben bereitet werden (gesetzlich festgelegte Lesetermine gibt es jedoch nicht mehr), die Weine sollen einem reifen, eleganten Typus entsprechen, von Edelfäule ist dabei nicht die Rede. Um dies sicherzustellen ist ein je nach Anbaugebiet und teils auch nach Rebsorte leicht unterschiedliches Mindestmostgewicht vorgesehen. Wie alle Prädikatsweine dürfen auch Spätlesen nicht nachträglich im Alkohol erhöht (chaptalisiert) werden, wie es bei einfachen Qualitätsweinen in bestimmten Grenzen möglich ist.Bestimmte Geschmacksrichtungen sind für eine Spätlese nicht vorgeschrieben. Es gab allerdings vor allem in den 60er- und 70er-Jahren die Mode, einem vermeintlichen Verbrauchergeschmack folgend, besonders Spätlesen, aber auch andere Qualitätsstufen generell lieblich oder wenigstens im oberen halbtrockenen Bereich abzustimmen. Die meisten Weintrinker haben daraus abgeleitet, dass eine Spätlese grundsätzlich süß sein müsste - bis heute ist dieser Irrtum höchst lebendig. Trockene Spätlesen sind inzwischen zwar nicht die Regel, aber immer häufiger anzutreffen. Der Begriff Spätlese ist nicht auf deutsche Produkte beschränkt; im deutschsprachigen Raum wie beispielsweise in Österreich ist Spätlese eine häufig zu lesende Qualitätsaussage, sie ist die unterste Stufe im dortigen Prädikatssystem (Kabinett gibt es zwar, gehört aber in Österreich offiziell nicht zu den Prädikaten). Die Trauben für Spätlesen müssen mindestens 19° KMW (Klosterneuburger Mostwaage) also ca. 94° Oe (Oechsle) aufweisen, Spätlesen dürfen wie bei uns nicht angereichert werden und die Süße darf nicht mittels Süßreserve eingestellt werden, es muss sich um eine echte Restsüße handeln, die durch geeignete Verfahren zum Abstoppen der Gärung erzielt (zurückbehalten) wird - das ist strenger und aufwändiger als bei uns!Auch andere Länder kennen Spätlesen, im englischsprachigen Raum heißen sie Late Harvest, was mit unseren Prädikaten aber nicht direkt vergleichbar ist. Bei den Franzosen heißt es Vendange tardive - zum Beispiel im Elsass, wo kurioserweise und im völligen Gegensatz zu Deutschland die Verknüpfung von Spätlese mit Süße im Weingesetz festgehalten ist, wobei die erzielten Oechslegrade eher mit unserer Auslese korrespondieren. Italiener sagen zur Spätlese Vendemmia tardiva.PB20140420  

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